… ewig weitergeht“

 

Sagt Schriftstellerin Karen Duve über die halbherzigen Versuche, die Erde zu retten. In ihrem neuen Buch rüttelt sie uns gehörig wach.

 

Digital StillCamera

 

 

 

Da braut sich was zusammen! Wetterphänomene wie hier über Köln werden zunehmen, warnen Klimaforscher.

Foto: Wolfgang Lanze


 

Das kleine Literaturhotel  „Wedina“ in Hamburg. Dort treffe ich die Schriftstellerin Karen Duve. Sie ist auf Lesereise – mit dem Sachbuch das mehr eine Brandrede ist. Es trägt den Titel „Warum die Sache schiefgeht“ und ist eine Abrechnung mit unserem Nichtstun angesichts des Klimawandels und seiner Folgen für die Menschheit. Es sind keine guten Nachrichten, die sie da verkündet. Weiteres Wirtschaftwachstum werde unweigerlich zu mehr Hunger, mehr Dürrekatastrophen und sehr viel mehr Überschwemmungen führen. Und was tun wir? „Wir tun so“ sagt Karen Duve, „als ob die Party ewg weitergeht.“

Frau Duve, Sie haben für Ihre Kritik am Zustand der Welt viel Schelte bekommen. Ihnen werden ein simples Weltbild und die Lust an der Apokalypse vorgeworfen. Warum dieses Buch?

Eigentlich hätte ich viel lieber an meinem nächsten Roman weitergeschrieben. Eine Science-Fiction-Geschichte, die 2030 in Hamburg -Lehmsahl spielt, wo ich aufgewachsen bin. Dafür habe ich recherchiert, wie es dort in de Zukunft aussehen könnte. Die Fakten, die ich  – übrigens für jedermann frei zugänglich  – in Büchern und im Internet zusammen getragen habe, waren dermaßen brisant, dass ich das Bedürfnis hatte, laut „Feuer!“ zu schreien. Der kurze Zeitraum, den die Wissenschaftler für das Ende unserer Zivilisation voraussagen, hat mich erschreckt. Wie knapp die Zeit ist , wie verheerend die Folgen sein werden und dass es bereits unsere Kinder und Kindeskinder treffen wird. Das war für mich ein Schock.

Und den wollten Sie der Welt da draußen mahnend mitteilen?

(Lacht.) Sie meinen , wie jemand, der mit dem „Wachtturm“ am Hauptbahnhof steht? Mir ist klar, dass der Überbringer schlechter Nachrichten auf keiner Party gerne gesehen ist. Ich erlaube mir, wütend zu sein.Wir alle wissen eigentlich wie ernst die Lage ist. Doch keiner will sich damit beschäftigen. Auf der Lesereise habe ich auch bemerkt, dass sich die Leute vor den Kopf gestoßen fühlen, die eine Sensibilität für Umweltthemen haben. Denn ja, ich verteile mit diesem Buch ein Gefühl der Ohnmacht.

Was macht Sie so wütend?

Schon jetzt produziert die Menschheit jedes Jahr zweimal soviel Treibhausgas, wie Wald und Meer absorbieren können. Allein in der westlichen Welt verbrauchen wir 1,5 mal soviel Ressourcen, wie nachwachsen. Das hat bereits zu Bodenverlusten, Überfischung  der Weltmeere, dem Abholzen der Regenwälder und zur Klimaerwärmung geführt. Immer mehr Landflächen werden durch den Anstieg des Meeresspiegels überschwemmt. Das alles wissen wir. Zuerst saufen Länder wie Bangladesch ab, deren Einwohner kaum mehr zum CO2-Ausstoß beitragen, als zu atmen und ab und an eine Handvoll Reis zu essen. Doch spätestens ab 2050 werden wir auch in den Industrieländern unter der Zerstörung der Umwelt und den klimatischen Bedingungen leiden. Die Generation, die das vor allem treffen wird, ist heute noch zu jung, um Einfluss nehmen zu können. An den Schaltstellen der Macht sitzen 60-Jährige, deren Chancen gut stehen, auch den Rest ihres Lebens in ihrer Komfortzone verbringen zu dürfen. Die Party geht also weiter. Und alle tanzen mit. Auch wenn dem einen oder anderen die Musik nicht gefällt.

Damit hat sich dann wohl die Frage nach einer Lösung erübrigt…

Das Problem ist doch, dass die wenigsten von uns ihren Lebensstil ändern. Die, die das alles ganz schrecklich finden und sich bemühen, weniger Öl, Gas, Fleisch und Plastikschrott  zu konsumieren, sind nicht die Mehrheit. Was nützen das Wegbringen von Pfandflaschen und der Verzicht auf Fleisch, wenn die Nachbarn es richtig krachen lassen, fette Autos fahren und Grillfeste und Shoppingtouren für die Grundpfeiler des Glücks halten? Recycling und Geschwindigkeitsbegrenzung in einer Gesellschaft, die das Wirtschaftswachstum anbietet – das ist so, als wenn jemand mit Lungenkrebs im Endstadium noch schnell versucht das Rauchen aufzugeben. Selektive Wahrnehmung und Verdrängung  geben zwar ein völlig falsches, aber dafür ein viel schöneres Bild der Realität ab.

In Ihrem Buch begründen Sie ausführlich warum Sie Frauen für geeigneter halten, die anstehenden Probleme zu lösen.

Und damit verbreite ich schon wieder schlechte Laune. Sobald eine Frau benennt, was in dieser Gesellschaft schiefläuft, und die überwiegend männlichen Führungskräfte und Entscheider in Wirtschaft und Politik dafür verantwortlich macht, wird ihr entgegengeblafft: „Wollen Sie etwa behaupten, dass Frauen die besseren Menschen sind?“ Ich bin davon überzeugt, dass Frauen emphatischer sind. Man kann darüber streiten, ob das biologisch bedingt oder anerzogen ist. Aber Frauen sind grundsätzlich bereiter,  im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln. Und wir brauchen dringend Entscheidungsträger, die verantwortungsbewusst und sozial handeln und nicht entfremdet von sich selbst sind. Von mir aus können das auch Männer sein. Hauptsache, sie rennen nicht den ewig gleichen Statussymbolen wie Macht und Erfolg hinterher.

Wie wäre die Menscheit noch zu retten?

Stephen Emmott, der Autor von „Zehn Milliarden“, hat ein schönes Beispiel genannt. Er hat gesagt, wenn wir genau wüssten, dass im Jahr 2073 ein Meteorit auf die Erde fallen würde, würde sich ab sofort die Hälfte aller Wissenschaftler damit beschäftigen, wie man diesen Meteoriten umleiten könnte. Und die andere Hälfte würde fieberhaft nach Lösungen suche, wie man die Menschen auf der Erde retten könnte. Durch unterirdische Tunnelsysteme oder wie auch immer. Wir sind in einer ganz ähnlichen Situation, nur dass wir das Datum nicht kennen. Der globale Notfall, von dem die Forscher, die nicht von Konzernen bezahlt werden, sagen, dass er bereits da ist, kann nur durch radikale Rettungsmaßnahmen wie Konsumverzicht abgewendet werden. Und durch ein völlig anderes Wirtschaftssystem, das nicht mehr auf Wachstum und die Ausbeutung fossiler Ressourcen ausgerichtet ist. Doch wie soll das gehen? Es ist nun mal eine zutiefst menschliche Eigenart, erst dann etwas zu ändern, wenn´s richtig wehtut.

Also kann der Einzelne nicht viel ausrichten?

Wenn aus Einzelnen viele werden, dann vielleicht.

Und Sie? In welcher Gemütslage leben Sie weiter?

Ich bin immer noch stinkwütend, aber wütend sein kann ja auch Spaß machen.

 

2015 03 08 Karen Duve  Fotograf Thomas Müller Kämpferisch

Vor zwei Jahren löste Schriftstellering Karen Duve mit dem Sachbuch „Anständig essen“ eine Diskussion über Massentierhaltung und Fleischkonsum aus. In der Streitschrift „Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ (Galiani Verlag, 12 Euro) rechnet sie jetzt mit den Entscheidern in Politik und Wirtschaft ab.2015 03 09 duve_warum_die_sache_schiefgeht

 

Karen Duve    Fotograf: Thomas Müller

Das Interview wurde von Sabine Vincenz  für die FÜR SIE Ausgabe 04/2015 geführt

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